„Wir haben’s getan, sie haben’s getan; das ist keiner, das ist ‚Es’.“

„Wir haben’s getan, sie haben’s getan; das ist keiner, das ist ‚Es’.“
Dies schreibt Robert Musil 1921 in einer grandiosen Rückschau auf die traumatischen Erfahrungen des Großen Krieges. In einem ungeheuren Massenexperiment habe dieser Krieg die Menschen als etwas „nahezu Gestaltloses, unerwartet Plastisches, zu allem Fähiges“ ausgewiesen, für jegliche Barbarei gleichermaßen begabt wie für die Kritik der reinen Vernunft. Der Einzelne sei, bei voller Illusion des eigenen Willens, willenlos gefolgt. Musil – selbst als Offizier für längere Zeit an der italienischen Front im Einsatz – nähert sich dem Trauma der modernen Massenvernichtung in den Kategorien Sigmund Freuds: als einer Manifestation des kollektiven Unbewussten.

Im Sommer 1914 erweiterte sich, gemäß der Logik eines hoch komplexen internationalen Bündnissystems, die Konfrontation der Habsburgermonarchie mit dem südslawischen Nationalismus zu einem Weltenbrand von enormer Ausdehnung. Dieser bis dahin größte Krieg aller Zeiten wird jegliche Gewissheit, alles bisher Erfahrene einfach zunichte machen. Stefan Zweig bringt es 1915 in einer Propagandaschrift des Wiener Kriegsarchivs auf den Punkt: Auch wenn man annahm, die „Naturgeschichte dieses furchtbaren Phänomens“ genau zu kennen, so habe sich doch jegliches Kalkül, jegliche Erwartung, jegliche Prognose „diesem Giganten gegenüber“ als obsolet und naiv erwiesen. Man könne es schon heute ruhig aussprechen, dass sich alle Völker, alle Wissenschaftler, Soziologen, Politiker, Militärs, alle Menschen überhaupt über die Dimensionen dieses Krieges getäuscht, „dass alle ihn unterschätzt haben.“

 

Fehleinschätzungen, die sich für die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie bereits in den Herbstmonaten 1914 zu dramatischen militärischen Debakeln auswuchsen. So hatte die in vier Armeen aufgebotene k. u. k. Streitmacht an der Nordostfront bereits nach nur wenigen Monaten den Charakter einer lediglich besseren Miliz angenommen. Von geschätzt 50.000 eingerückten Offizieren waren ca. 22.000 durch Tod, Verwundung, Krankheit oder Gefangenschaft ausgefallen, bis Ende 1914 drei Viertel aller ausgebildeten Soldaten. Ganze Divisionen waren halbiert und auf Bataillonsstärke, ganze Regimenter auf Kompaniestärke dezimiert, einzelne Einheiten de facto ausgelöscht worden. Insgesamt verzeichnete man im ersten Kriegsjahr in Serbien, in Galizien und in den Karpaten exorbitante Verluste und Ausfälle in der Höhe von rund 1,8 Millionen, wodurch das alte Berufsheer förmlich zertrümmert war. Vor dem Hintergrund vor allem des so genannten galizischen Schocks war die ursprüngliche Kriegseuphorie jedenfalls schnell geschwunden; sie hat einer latent defätistischen Stimmungslage Platz gemacht, die Mannschaften wie breitere Bevölkerungssegmente gleichermaßen ergriff. 

Noch zu Kriegsbeginn waren ungeheure emotionale Energien freigesetzt worden; gerade die geistigen Eliten ausnahmslos aller Seiten, die Intellektuellen und Künstler erwarteten das Große Geschehen mit Begeisterung und Aufbruchspathos, mit der Hoffnung auf Erneuerung und nationale Wiedergeburt. Eine „Revolution der Seele gegen die Ordnung“ erkannte der bereits eingangs zitierte Robert Musil, einen archaischen Ausbruch aus dem ewigen Kreislauf des Seinesgleichen. Purifikation, Katharsis sollte der Krieg in seiner elementaren Macht bewirken, die Rückführung aller Verhältnisse auf das einfach Bedeutungsvolle, die schmerzvolle, wenn auch unumgängliche Reinigung alles Abgelebten, Alten, Morschen. Würde dergestalt nicht ein gänzlich regeneriertes, von physischer und intellektueller Degeneration befreites Dasein begründet werden können?  Und zwar im Wege der „natürlichen“ Auslese der Tauglichsten und Besten, gerade so, wie es Sozialdarwinismus und Eugenik seit geraumer Zeit schon verkündeten? 

Die Stimme der Vernunft und des Friedens blieb dagegen leise und isoliert. Auf internationaler Ebene wären an erster Stelle wohl der von der neutralen Schweiz aus agierende Romain Rolland und Henri Barbusse in Paris zu erwähnen, Bertrand Russel in Cambridge, Antonio Gramsci in Turin und natürlich Albert Einstein, der vom Krieg als ungeheuerlicher Verblendung und einer tückischen epidemischen Krankheit sprach. In Österreich waren es vor allem der große Karl Kraus und – nachdem er zunächst selbst in den Chor der Euphorie eingestimmt hatte – Friedrich Austerlitz, der langjährige Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung. Selbst der Habsburg und der Monarchie so überaus skeptisch gegenüberstehende Sigmund Freud hatte sich anfänglich von der allgemeinen Begeisterung mitreißen lassen. Allerdings zieht Freud bereits nach sechs Monaten  – also etwa zeitgleich mit der berühmten ersten Intervention von Karl Kraus – eine vernichtende Bilanz, in seinem Essay über Die Enttäuschung des Krieges. In blinder Wut, so, als solle es keine Zukunft und keinen Frieden nach ihm geben, werfe der Krieg nieder, was ihm im Weg stehe, nehme der kriegführende Staat jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit für sich in Anspruch. „Es will uns scheinen“, so Freuds Resümee, „als hätte noch niemals ein Ereignis so viel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe erniedrigt.“

 

Dem patriotischen Taumel war die Ernüchterung gefolgt, um in weiterer Folge in Verbitterung umzuschlagen. Die von den Kämpfen ihrer Nationen zunehmend zerrissene Habsburgermonarchie hatte sich vom Krieg nach Außen die Lösung ihrer permanenten inneren Krise erhofft. Doch schlug der totale Krieg letztlich in die totale Katastrophe um. Nach vierjährigem Krieg zerbrach das einst so gewaltige Herrschaftsinstrument der Vielvölkerarmee, und mit ihr die Monarchie selbst. Militärische Niederlage, Demobilisierung und demokratische, nationale Revolutionen gingen ineinander über.

In diesem gewaltigen historischen Spannungsfeld bewegt sich die hier aus Anlass des 100-jährigen Gedenkens an den ersten globalen industriellen Massenvernichtungskrieg präsentierte virtuelle Ausstellung des Österreichischen Staatsarchivs – eine digitale Präsentation der herausragenden Exponate seiner Bestände, vor allem natürlich der jener der Abteilung Kriegsarchiv. Jedes einzelne Exponat wird dabei kurz beschrieben und historisch verortet, die Objekte stehen in sachlichem, inhaltlichem, kausalem Bezug zueinander. Auf diese Weise wird eine dichte Beschreibung des eigentlich Unfasslichen des Ersten Weltkrieges entworfen, keinesfalls aber ist eine „geschlossene“ Ereignis- oder Ablaufgeschichte intendiert. Vielmehr werden im Wege des sozusagen „assoziativ“ angelegten modularen Arrangements, die sozial-, kultur-, militär- und diplomatiegeschichtlichen Dokumente der virtuellen Präsentation in einen zu Themenkomplexen gebündelten Sinn- und Bezugszusammenhang gesetzt. Darunter finden sich, um nur einige wenige Beispiele anzuführen, die Protokolle des Prozesses gegen die Sarajewo-Attentäter; Hochverratsprozesse, insbesondere auch die Akte Cesare Battisti; paradigmatische Kriegskarrieren, etwa eines Ludwig Wittgenstein, Oskar Kokoschka oder Robert Musil; Kriegsfinanzierung und Kriegsanleihen; Massenpropaganda und Kriegspressequartier, darunter die Tätigkeit der Literarischen Gruppe im Kriegsarchiv oder die Korrespondenz zwischen Alice Schalek und Maximilian von Hoen; Akten und Dokumente zur operativen Kriegsführung; das Attentat Friedrich Adlers; Meutereien und Aufstände, darunter das Massaker von Kragujevac im Mai 1918 oder der Aufstand der Matrosen von Cattaro (Prozessakten) im Februar dieses Jahres; d’Annunzios Flug über Wien mit den dabei abgeworfenen Propagandaflugblättern; das Protokoll der Waffenstillstandsverhandlungen in der Villa Giusti; das handschriftliche Gutachten Siegmund Freuds für die Kommission zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen zu den Elektroschockmethoden Wagner-Jaureggs. 

Zentrale Quellen zu den sozialen wie politischen Verhältnissen im Hinterland sind ebenso präsent wie Dokumentationen zu Revolten, politischen Protesten und Massenstreiks in der kriegswichtigen Rüstungsproduktion (Jänner 1918); sie werden den wichtigsten diplomatischen Akten (Mobilisierungsbefehl, Kriegserklärungen, Proklamation des Heiligen Krieges etc.) gleichsam gegenübergestellt. Das fotografische Material ist zum größten Teil den ca. 300.000 Stück umfassenden Beständen der Fronten-, Nachlass- und Albensammlung des Kriegsarchivs entnommen, darunter herausragende Meisterwerke der frühen Lichtbildkunst und der Kriegsreportage (vgl. Wolfgang Maderthaner/Michael Hochedlinger, Untergang einer Welt. Der Große Krieg 1914-1918 in Photographien und Texten, Wien 2013). Schließlich konfrontieren wir – über volle vier Jahre, exakt an den jeweils korrespondierenden Tagen – die Tagebucheintragungen des literarisch tätigen Generalstabsoffiziers Karl Schneller mit den für den Kaiser und Obersten Kriegsherren täglich vom Armeeoberkommando erstellten Lageberichten.

Wolfgang Maderthaner

Eine Gegenüberstellung der Tagebücher von Karl Schneller und Kaiser Franz Josef dem Ersten.
Alliierte Propaganda
Alliierte Propaganda
Alltag Hinterland Verpflegung
Alltag Hinterland Verpflegung
Besetzte Gebiete
Besetzte Gebiete
Der Krieg und der Adel
Der Krieg und der Adel
Diplomatie zwischen Krieg und Frieden
Diplomatie zwischen Krieg und Frieden
Frau im Krieg
Frau im Krieg
Gefangene und Flüchtlinge
Gefangene und Flüchtlinge
Kaiser im Krieg
Kaiser im Krieg
Kriegsalltag
Kriegsalltag
Kriegseuphorie
Kriegseuphorie
Kriegsfinanzierung
Kriegsfinanzierung
Kriegsfotografie
Kriegsfotografie
Luftkrieg
Luftkrieg
Militarisierung der Politik
Militarisierung der Politik
Propaganda, Künstler und KPQ
Propaganda, Künstler und KPQ
Nachrichtendienst
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Operative Kriegsführung
Operative Kriegsführung
Revolten und politische Proteste
Revolten und politische Proteste
Sanität und Hygiene
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Sarajevo 1914
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Seekrieg
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Technik
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Umbruch und Neubeginn
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